Politische Repräsentation

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Worum geht`s?

Die politische Repräsentation ist ein wichtiger Bestandteil einer Demokratie. Bei der politischen Repräsentation geht es darum, dass Personen, die selbst nicht direkt an der politischen Entscheidungsfindung beteiligt sind, in der Politik vertreten bzw. repräsentiert werden. In sogenannt repräsentativen Demokratien wird dies in Form von Wahlen umgesetzt. Das heisst, das Volk wählt seine Vertretung. Die gewählten Vertreter:innen repräsentieren anschliessend die Wähler:innen in der politischen Entscheidungsfindung. Beispiele für repräsentative Demokratien sind Deutschland oder die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Schweiz ist eine Kombination von repräsentativer und direkter Demokratie. In der Regel entscheiden die vom Volk gewählten Vertreter: innen (repräsentative Demokratie). Sie bilden das Parlament. Das Volk verfügt zusätzlich über verschiedene direktdemokratische Instrumente und kann bei konkreten Sachfragen mitbestimmen (direkte Demokratie). Mit direktdemokratischen Instrumenten kann das Volk eine Abstimmung zu einer konkreten Sachfrage fordern (Initiative, Referendum). 

In der Realität stellt sich oft die Frage, wie repräsentativ das Parlament in der Schweiz ist. In der Schweiz sind alle Schweizer:innen über 18 Jahren wahlberechtigt. Ein Viertel der Bevölkerung hat keinen Schweizer Pass und deshalb kein Wahlrecht. Ebenso sind fast 20% der gesamten Bevölkerung minderjährig. Auch sie haben kein Wahlrecht (RTS 2019). Bei den Wahlen 2019 hat fast die Hälfte der Wahlbevölkerung (45,1%) nicht gewählt (BFS: Entwicklung der Wahlbeteiligung). Zum ersten Mal seit 1995 liess sich 2019 ein Rückgang der Wahlbeteiligung feststellen. Die geringe Wahlbeteiligung trifft insbesondere auf junge Menschen zu. Insgesamt ergibt sich daraus, dass nur 28,5 % der Schweizer Bevölkerung effektiv an der Wahl der Bundesversammlung 2019 teilgenommen hat. 

Was ist unter Repräsentation zu verstehen? 

Repräsentation ist die Vertretung einer gesamten Gruppe durch einzelne Personen. In der Repräsentationstheorie gibt es unterschiedliche Arten der Repräsentation (Pitkin 1967). Pitkin unterscheidet vier Arten: formelle, deskriptive, substanzielle und symbolische Repräsentation. In diesem Dossier steht die deskriptive (beschreibende) Repräsentation im Zentrum. Häufig wird bei Repräsentation an diese Art gedacht. Hier geht es um die Frage, ob bestimmte Merkmale, die die Bevölkerung beschreiben (z.B. Sprache, Beruf, Geschlecht, Alter usw.) entsprechend im Parlament vertreten sind. Bei dieser Art wird z.B. der Anteil französischsprechender Personen aus dem Parlament mit dem Anteil französischsprechender Personen in der Bevölkerung verglichen. Je näher diese Anteile sind, desto besser die deskriptive Repräsentation. Am Beispiel junger Menschen kann die deskriptive Repräsentation folgendermassen aufgezeigt werden: Die Parlamentarier:innen sind seit den letzten Wahlen im Durchschnitt etwas jünger, womit junge Menschen deskriptiv besser repräsentiert sind. 

Wie sind junge Menschen im nationalen Parlament vertreten? 

Der Altersdurchschnitt im Nationalrat beträgt direkt nach den Wahlen (2023) 49.4 Jahre. Im Vergleich zum Altersdurchschnitt in den Jahren zuvor, ist dies eine leichte Verjüngung des Parlaments. Es sind einige ältere Parlamentarier:innen ausgetreten, aber es sind nicht so viele junge Menschen gewählt worden. Genauer gesagt sind nur drei der gewählten Personen jünger als 30-jährig. Die 26-jährige Katja Riem aus der SVP ist die jüngste Person im neuen Parlament. Andri Silberschmidt und Samira Marti sind ebenfalls unter 30 Jahren. Die jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren machen im Parlament einen Anteil von 1.2% aus. In der Bevölkerung beträgt der Anteil dieser Altersklasse hingegen 14.6% (Anfang Jahr 2022). Somit sind die jungen Menschen im Parlament weiterhin deutlich untervertreten. 

Mit 31 Parlamentarier:innen unter 40 Jahren (Stand 2022) fehlen 82 Abgeordnete, um diese Altersgruppe statistisch angemessen abzubilden. Die Altersgruppe zwischen 40 und 64 Jahren verfügt so gerechnet über 106 Abgeordnete zu viel. Gleichzeitig gibt es nur 22 Mitglieder des Parlaments, die über 65 Jahre alt sind. Es fehlen 24 Sitze, um diese Altersgruppe statistisch angemessen abzubilden. 

Alter Anteil im Parlament* Anteil in der Bevölkerung**

Unter 40 Jährig

31 (12%)

4’048 (46%)

40-65-Jährig

193 (79%)

3’075 (35%)

65-Jährig und älter

22 (9%)

1’691 (19%)

Insgesamt

246 (100%)

8’815 (100%)

Quellen: parlament.ch: Stand 2024, BFS: Stand 2022. * absolute Zahl und in Prozent, **in tausend bzw. in Prozent

Wie sind junge Menschen in kantonalen und kommunalen Parlamenten vertreten? 

Wie die Vertretung junger Menschen in den kantonalen und kommunalen Parlamenten aussieht, ist schwieriger aufzuzeigen, da die Datenlage sehr unterschiedlich ist. Die Ausführungen zu sechs Kantonen sollen hier einen kleinen Einblick geben. Es handelt sich dabei lediglich um Beispiele und es können daraus keine repräsentativen Aussagen für alle 26 Kantone getroffen werden.  

  • Kanton Basel-Stadt: Im Kanton Basel-Stadt war 2021 zu Beginn der Legislatur eine Person im Grossen Rat jünger als 25 Jahre alt. Drei weitere Personen waren zwischen 25 und 30 Jahre alt. 17 Personen von insgesamt 100 Grossrät:innen sind jünger als 40 Jahre. Der Altersdurchschnitt lag 2021 zu Beginn der Legislatur bei 48 Jahren.  
  • Kanton Zürich: Im Kanton Zürich sind 2019 drei Personen in den Kantonsrat gewählt worden, die jünger als 25 Jahre alt waren. Weitere vier Personen waren unter 30 Jahren. Insgesamt sitzen 179 Personen im Zürcher Kantonsparlament, wovon 37 Personen bei der Wahl jünger als 40-Jährig waren.  
  • Kanton Waadt: Im Kanton Waadt gab es 2022 zum Zeitpunkt der Wahl im Grand Conseil zwei Personen die jünger als 24 Jahre alt waren und weitere vier Personen, die zwischen 25 und 29 Jahren waren. 33 Personen der 150 Mitglieder sind unter 39 Jahren.  
  • Kanton Jura: Im Kanton Jura gibt es 2023 keine Person, die jünger als 25 ist im kantonalen Parlament und eine Person, die jünger als 30-Jährig ist. Rund 18% der insgesamt 59 Parlamentarier:innen sind 40-Jährig oder jünger.  
  • Kanton Aargau: Auch im Kanton Aargau wurde 2020 keine Person gewählt, die jünger als 25 Jahre alt war. Es gab vier Personen die 30-Jährig oder jünger waren und 32 Personen die 40 Jahre alt waren oder jünger. Insgesamt waren 140 Sitze zu vergeben.  
  • Kanton Obwalden: Der Kantonsrat des Kantons Obwalden zählt 55 Mitglieder. Kein Mitglied ist jünger als 25 Jahre alt und ein Mitglied ist unter 30-jährig. Sechs Personen im Kantonsrat sind 40-jährig oder jünger. 

Diese Beispiele deuten darauf hin, dass junge Menschen auch in kantonalen Parlamenten untervertreten sind, auch wenn die Datenlage ungenügend ist, um dies eindeutig festzuhalten. Die unter 30-Jährigen machen in den untersuchten Kantonsparlamenten jeweils einen Anteil von 1-4% aus. Auch der Anteil der Personen, die jünger als 40 Jahre alt sind, ist eher tief. Dieser liegt in fünf der angeschauten Kantone bei rund 20%. Im Kanton Obwalden sind nur rund 11% der Personen unter 40.  

Die Schweiz hat insgesamt 2136 Gemeinden (Stand 01.01.2023). Die Gemeinden in der Schweiz unterscheiden sich erheblich voneinander. Sie unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich der Anzahl Einwohner:innen, Grösse und Geografie, aber auch in Bezug auf ihre politischen Institutionen. Einige kennen die Gemeindeversammlung als Legislative der Gemeinde und andere haben Gemeindeparlamente. Ob die Gemeinden ein Parlament oder eine Gemeindeversammlung haben, hängt von der Bevölkerungszahl der Gemeinde ab und vom Kanton (im Jahr 2020 hatten 468 von 2202 Gemeinden ein Gemeindeparlament). Zur Frage, wie die jungen Menschen in den Gemeindeparlamenten vertreten sind, lässt sich aufgrund der Datenlage leider keine Aussage machen

Was sind die Gründe für die Untervertretung junger Menschen in Parlamenten? 

Es bestehen verschiedene Gründe, weshalb junge Erwachsene im Parlament deskriptiv unterrepräsentiert sind. Im Folgenden werden einige Gründe für die Untervertretung aufgeführt. 

Einstiegsmöglichkeiten 

Bereits die Parteistrukturen erschweren den Zugang in die Politik für neue Personen. Eine politische Karriere beginnt in der Regel mit dem Beitritt in eine Partei. Bei sehr undurchsichtigen Netzwerken und Regeln können junge Menschen schon mal abgeschreckt werden. Je informeller die Regeln sind, desto weniger Zugang haben Neueinsteiger:innen (Ohmura et al. 2018). Ohmura und ihre Mitautor:innen (2018) argumentieren in ihrer Studie zu politischen Karrierewegen, dass unter solchen Umständen der Einstieg und eine Kandidatur für ein politisches Amt schwieriger seien. Die Parteien sind durch ihre Rekrutierungsfunktion in der Pflicht, niederschwellige und zugängliche Strukturen zu schaffen, die auch ein möglichst breites Band an jungen Menschen anspricht und ihnen eine Teilhabe am Parteileben und schliesslich in politischen Ämtern ermöglicht.  

Wahlchancen 

Die Wahlchancen der jüngeren Menschen sind oft tiefer. Ein Grund ist, dass sich jüngere Menschen weniger mit Politik, Ämtern und Wahlkampf beschäftigt haben. Es ist zudem nicht leicht, gegen bereits etablierte Politiker:innen zu kandidieren. Diese haben in der Regel ein grösseres Netzwerk und einen höheren Bekanntheitsgrad.  

Wahlsystem 

Grundsätzlich wird zwischen Mehrheits- (Majorz) und Verhältniswahlrecht (Proporz) unterschieden (parlament.ch). Kurz und knapp erklärt, gewinnt beim Mehrheitswahlrecht diejenige Person mit den meisten Stimmen den Sitz. Im Proporzsystem hingegen werden die Sitze proportional entsprechend der erhaltenen Parteistimmen verteilt. Typischerweise wird der Ständerat oder ein Regierungsrat im Majorz gewählt und ein Beispiel für Proporzwahlen sind in den meisten Kantonen die Nationalratswahlen. Thames (2017) argumentiert, dass bei Majorzwahlen ein stärkerer «Amtsinhaber:innen-Bonus» besteht, was bedeutet, dass bisherige eher wiedergewählt werden, zum Beispiel, weil bisherige Personen tendenziell einen besseren Platz auf der Wahlliste erhalten. Somit ist es z.B. für Politische Neulinge, was junge Menschen zwangsläufig meist sind, schwieriger sich in einem Majorzsystem durchzusetzen als in einem Proporzwahlsystem. 

Dies zeigt sich bereits auf kommunaler und kantonaler Ebene, aber auch im nationalen Parlament, wo es nur wenig Politik-Neulinge gibt. Fast alle Parlamentarier:innen hatten zuvor bereits eine Funktion auf Gemeinde- oder Kantonsebene. Es wird von der Wählerschaft meist erwartet, dass bereits auf anderen Ebenen Erfahrungen gesammelt wurde, bevor ein:e Kandidat:in in ein Amt auf nationaler Ebene gewählt wird, und das braucht Zeit.

Milizsystem 

Milizsystem bedeutet, dass die Arbeit im Parlament oder in der Regierung der Gemeinde oder dem Kanton freiwillig und weitgehend unbezahlt ausgeführt wird. Denn es wird davon ausgegangen (und indirekt vorausgesetzt), dass daneben eine Erwerbstätigkeit ausgeführt wird. Zum Beispiel sind auf der lokalen Exekutivebene mehr als die Hälfte der Personen selbstständig oder in einer höheren Kaderposition tätig (Vatter 2018: 154). Diese Möglichkeiten haben viele junge Menschen nicht, auch wenn sie sich für ein Milizamt interessieren. Die Studie PROMO35 zeigt auf, dass junge Erwachsene sich oftmals nicht von sich aus für ein Milizamt melden, sondern proaktiv angegangen werden müssen (2019). Die Lebensumstände von jungen Erwachsenen ändern oft schneller. Sei dies durch einen neuen Arbeitsplatz, ein Austauschsemester, eine grössere Reise, eine Hochzeit oder ein Umzug. Es ist eine Herausforderung, ein politisches Amt damit zu vereinbaren.  

Die Vielfalt an Faktoren, die junge Menschen in politische Funktionen bringen oder sie davon abhalten können, ist enorm. Dies bietet jedoch auch Chancen an unterschiedlichsten Stellen anzupacken und dadurch mehr junge Menschen in politische Ämter zu fördern. 

22 Sara Schmid

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